”Auch der Präsident darf einen Lieblingsverein haben”

KURIER, 23. Oktober 2005

KURIER: Am 26. Oktober findet am Heldenplatz eine große Leistungsschau von Sportlern des Bundesheeres statt. Drückt sich die Stärke eines Landes auch durch seine Sportler aus?

HEINZ FISCHER: Das würde ich so nicht sagen. Es gibt Länder mit großer wirtschaftlicher, kultureller oder wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit, die im Sport nicht an der Spitze stehen. Aber insgesamt ist der Sport ein so wichtiger Teil der Gesellschaft, dass eine positive Entwicklung eines Landes häufig auch positive Auswirkungen im Bereich des Sportes mit sich bringt.

Das heißt, Sie haben den Eindruck, dass Österreich ein Land des Sports und der Sportler ist?

Auf jeden Fall. Im Skisport ist Österreich die dominierende Nation. Auch in einigen anderen Sportarten sind wir zumindest in der Europaspitze. Und dann gibt's Sportarten, wo Österreich nicht wirklich unter den besten Ländern mitwirken kann. Besonders schmerzlich empfinde ich das im Fußball, weil ich mich noch gut daran erinnere, wie wir bei der Weltmeisterschaft 1954 Dritter waren.

Die Kultur wird vom Staat neun Mal mehr gefördert als der Sport. Entsteht dadurch nicht der Eindruck, dass der Sport gesellschaftspolitisch weniger wert ist?

Also ich garantiere Ihnen, dass im Gespräch mit Sportfunktionären die Meinung vorherrscht, dass die Kultur mehr gefördert wird. Im Gespräch mit Kulturschaffenden die Meinung, dass der Sport bevorzugt wird. Ich glaube, wir müssen alles tun, um Eifersucht und Rivalität zwischen Sport und Kultur zu vermeiden.

Im Zuge der Schulautonomie wurden Turnstunden gekürzt. Was halten Sie davon?

Die Kürzung von Turnstunden ist schmerzlich. Mir waren der Sport und der Turnunterricht in meiner Jugend sehr wichtig. Ich glaube, dass es für die Gesundheit wichtig ist. Ich glaube auch, dass junge Menschen ausgeglichener sind, wenn sie ein ausreichendes Maß an sportlicher Betätigung haben. Das alles spricht dafür, dem Turnunterricht doch seinen gesicherten Platz in den Lehrplänen der Schulen zu garantieren. Ich muss aber auch darauf verweisen, dass die Fremdsprachenlehrer mit guten Argumenten sagen, Fremdsprachen sind heute wichtiger denn je. Die Deutschlehrer werden auf Studien verweisen, dass die Analphabetenquote zu hoch ist. Aber beim Turnen ist das doch ein wenig anders. Ein Minimum an körperlicher Betätigung ist einfach notwendig.

Sie sind selbst ein guter Kanufahrer, Skifahrer, spielen Tennis und Tischtennis. Im Wahlkampf hat mich bei einem gemeinsamen Lauftermin Ihr Tempo überrascht. Wie wichtig ist Ihnen Fitness?

Für mich zählt Fitness zum allgemeinen Wohlbefinden. Auch für mich als Bundespräsident muss Platz sein für ein gewisses Maß an körperlicher Aktivität. Und die Anfang August gerissene Achillessehne hat nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes weh getan, sondern auch deswegen, weil eine ganze Reihe von Bergtouren, das Laufen und vieles andere zu kurz gekommen ist. Wobei beim Tennis meine Frau immer sagt, dass ich schon zu alt bin. Ich soll ihr ja nicht mit Rückenschmerzen kommen nach einem langen Tennisvormittag. Und daher habe ich mich zu Hause fast nicht melden getraut, als die Achillessehne gerissen ist.

Dürfen Sie als Bundespräsident auch glühender Rapid-Fan sein? Das schließt ja ein, dass man Austria-Gegner ist.

Ich muss schon deswegen für Rapid sein, weil der Michael Häupl Austria-Fan ist. Da muss es ein Gegengewicht geben. Der Bundespräsident verhält sich überparteilich, als Bundespräsident aller Österreicher. Aber auch der Präsident darf Lieblings-Schriftsteller, Lieblingssportler, einen Lieblingsverein haben. Ich glaube, das werden alle verstehen.

Gibt es eine sportliche Leistung, die Sie zutiefst beeindruckt?

Es gibt viele. Ich habe mich über viele Ergebnisse bei Ski-Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen gefreut. Ich habe mich über den Markus Rogan sehr gefreut, weil er ein guter Sportler und ein sympathischer junger Mann ist. Zähigkeit, sportliche Fairness und Geradlinigkeit haben mir immer imponiert. Die Behindertensportler beeindrucken mich ebenso wie die Athleten, die sich die Streif runterstürzen.

Zurück zum Fußball. Beim letzten Match Rapid - Brügge waren auf der Ehrentribüne in der ersten Reihe lauter Politiker zu finden. Man könnte meinen, der Sport könne als Bühne missbraucht werden.


Vielleicht sollte man die Sitzordnung anders gestalten. In der ersten Reihe war der Rudi Edlinger, der ist Rapid-Präsident, der muss dort sitzen. Dann der Präsident von Brügge. Dann der frühere belgische Ministerpräsident, der als Schlachtenbummler mitgereist ist. Dann die zuständige Wiener Vizebürgermeisterin Grete Laska. Dann der Bundespräsident, den trauten sie sich auch nicht woanders hinzusetzen. Und dann noch ein paar andere (Anm.: Gusenbauer, Schimanek). Wenn ein Politiker nur dann zu einer Sportveranstaltung geht, weil er sicher ist, dass dort vier Fernsehkameras sind, dann taugt mir das nicht. Wenn er aber wirklich am Sport interessiert ist, auch sportliche Veranstaltungen abseits der großen Öffentlichkeit besucht, dann kann man nicht verlangen, dass er nicht zu einem Champions-League-Match gehen soll. Das selbe Problem gibt es ja auch bei den Salzburger Festspielen oder bei der Goya-Ausstellung im Kunsthistorischen Museum. Da sitzen wahrscheinlich auch viele Persönlichkeiten aus der Politik in der ersten Reihe. Und manche eben nur wegen des Gesichtsbades.

Oft ist die Stimmung bei Fußballspielen sehr aufgeheizt. Es gibt Fans, die den Fußballplatz nutzen, um rassistische Parolen loszuwerden. Was empfindet der Bundespräsident dabei?

Mir bereitet es Unbehagen. Und das beginnt schon bei der Hymne. Ich halte es für eine Unart und fast primitiv, die Hymne eines anderen Landes auszupfeifen. Das Resultat ist nur, dass man sich gegenseitig auspfeift. Ich benütze gerne die Gelegenheit dieses Interviews, um an Sportfans zu appellieren, die eigene Mannschaft anzufeuern. Wenn ich einen ausländischen Staatsmann zu Gast habe, zum Beispiel den deutschen Bundespräsident im vergangenen Sommer bei einem Fußball-Match Österreich - Deutschland, und die ausländische Hymne wird ausgepfiffen, tut mir das wirklich weh. Es ist mir peinlich. Drei Stunden vorher hat man ihn im Burghof mit militärischen Ehren empfangen. Hat sich vor der Fahne des Gastlandes verneigt, und dann wird drei Stunden später im Stadion die Hymne ausgepfiffen. Das tut mir weh.

Ausländische Sportler werden von österreichischen Vereinen sehr geschätzt. Die Einbürgerungen passieren manchmal relativ rasch. Andere Menschen, die in Österreich leben, müssen bis zu zehn Jahre warten, bis sie Staatsbürger werden dürfen. Ist das gerecht?

Es ist zumindest sehr problematisch. Das Gesetz ist an sich nicht unvernünftig formuliert. Wenn jemand vier Jahre im Land wohnt, kann er eingebürgert werden. Nach zehn Jahren gibt es doch so etwas wie eine grundsätzliche Berechtigung. In Einzelfällen, wo es im Interesse des Staates liegt, kann die Regierung auf solche Fristen verzichten. Das ist insgesamt nicht unvernünftig. Aber wenn man es allzu häufig bei Sportlern anwendet, und bei allen anderen Menschen jetzt sogar noch auf eine Verlängerung dieser Fristen hinarbeitet, dann passt das nicht zusammen.

Viele Sportler finden den Weg in die Politik. Liese Prokop als Ministerin, Franz Vranitzky war Basketballer und wurde Bundeskanzler, Franz Voves als ehemaliger Eishockeyspieler wird Landeshauptmann. Ingrid Turecek-Wendl, Elmar Lichtenegger, Patrick Ortlieb fanden sich im Nationalrat wieder. Ist es Zufall oder gibt es Schlüsselqualifikationen, die Sportler mitbringen, die sie besonders für die Politik eignen?

Da würde ich doch zwei Kategorien unterscheiden. Wenn sie zum Beispiel Franz Vranitzky nehmen, so hat dessen politische Karriere sicher nichts mit dem Sport zu tun. Er war im wirtschaftlichen Bereich äußerst erfolgreich tätig, ist eloquent, ist Finanzminister geworden. Die Liese Prokop ist auch in die Politik gegangen und darin gewachsen, lang schon, nachdem ihre sportliche Karriere vorbei war. Das ist die eine Kategorie. Zur anderen zählen jene Sportler, die man auf Listen setzt, weil sie einen großen Namen haben. Und die haben sich in vielen Fällen in der Politik nicht durchgesetzt. Natürlich braucht man als Sportler Eigenschaften, die auch in der Politik nötig sind. Disziplin, Ausdauer, die Fähigkeit, seine Kräfte voll auszuschöpfen. Dennoch kann man nicht daraus schließen, dass Sportler automatisch gute Politiker wären.


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