TV-Ansprache des Bundespräsidenten zum Nationalfeiertag
Meine
sehr geehrten Damen und Herren!
Liebe
Österreicherinnen und Österreicher!
Heute,
am 26. Oktober, ist unser österreichischer Nationalfeiertag. Und es ist das
erste Mal, dass ich als österreichischer Bundespräsident aus diesem Anlass
einige Worte an Sie richten darf. Zunächst darf ich mich noch einmal für das
Vertrauen bedanken, das Sie mir geschenkt haben und ich bemühe mich dieses
Vertrauen so gut ich kann zurechtfertigen.
Gar
nicht so selten bin ich in letzter Zeit gefragt worden, warum wir eigentlich einen Nationalfeiertag brauchen.
Ich
denke, dass ein Nationalfeiertag im Leben eines Staates irgendwie
vergleichbar ist mit einem Feiertag im Leben eines Menschen. Es ist ein Tag,
wo man sich an ein denkwürdiges Ereignis erinnert, wo man ein bisschen innehält
und versucht sich auf Wesentliches zu besinnen.
Fast alle
Völker dieser Welt haben Nationalfeiertage und meistens erinnern sie an ein
Ereignis, das zur Staatsgründung beigetragen hat, an eine Revolution, an einen
großen militärischen Sieg, an eine historische Persönlichkeit oder
Ähnliches.
Der österreichische
Nationalfeiertag ist kein pompöses Datum, er erinnert an keine
Schlacht, er erinnert an keine Revolution, an keinen Sieg über andere
Völker.
Der
österreichische Nationalfeiertag erinnert uns daran, dass am 26. Oktober 1955
das Verfassungsgesetz über die österreichische Neutralität beschlossen wurde
und dass bis zu diesem Datum (aufgrund des Staatsvertrages) die Besatzungssoldaten
der alliierten Mächte Österreich verlassen mussten. Damit erinnert unser
Nationalfeiertag indirekt auch an den österreichischen Staatsvertrag.
Unser
Nationalfeiertag ist daher ein Tag des Friedens, der Freiheit und der
Demokratie.
Und da
dies Werte sind, die uns verbinden, ist unser Nationalfeiertag ein Tag,
der das Gemeinsame und unsere
gemeinsame Verantwortung in den Vordergrund stellt.
Dieser
Grundsatz verbindet uns und darüber hinaus gibt es weitere Gemeinsamkeiten, die
wir uns am Nationalfeiertag ganz besonders ins Gedächtnis rufen sollten.
z.B.
unsere gemeinsame Verantwortung für die sozial Schwächeren; für
diejenigen, die am Rande unserer Gesellschaft leben.
Ich
weiß schon, dass Österreich nicht die sozialen Probleme ganz Europas oder gar
der ganzen Welt lösen kann. Das ist völlig klar.
Aber
wir können versuchen gegenüber denjenigen fair und gewissenhaft zu handeln, die
hier und jetzt vor unseren Augen in Not sind. Das gilt auch für Flüchtlinge.
Auf diesem Gebiet müssen wir auch um ein entsprechendes Klima im Land bemüht
sein. Wegschauen gilt nicht. Das ist einer der Gründe, warum ich die Arbeit von
Caritas oder Volkshilfe, Evangelische Diakonie, Rotes
Kreuz und auch andere Organisationen ausdrücklich unterstütze! weil sie
durch ihr Beispiel bemüht sind ein brüderliches, ein faires Klima zu schaffen.
Es ist
eine alte, aber wichtige Beobachtung: die Qualität einer Gesellschaft erkennt
man daran, wie sie mit den Schwächsten in ihrer Mitte umgeht.
Meine
Damen und Herren!
Ich
habe gemeint, dass ein Nationalfeiertag das Gemeinsame in den Vordergrund
rücken soll. Deshalb füge ich hier auch den Wunsch an, dass wir uns in
Österreich verstärkt um eine gemeinsame Außenpolitik, um Gemeinsamkeit in der
Außenpolitik bemühen sollten.
Auseinandersetzungen
um einen NATO-Beitritt Österreichs haben uns von Gemeinsamkeiten in der
Außenpolitik weggeführt. Ich habe den Eindruck, dass die Zahl derer, die einen
Beitritt zur NATO befürworten geringer geworden ist und dass das Bekenntnis zu
einer gemeinsamen, friedlichen europäischen Zukunft stärker geworden ist.
Wodurch auch die Chancen für eine Außenpolitik auf möglichst breiter Grundlage
größer geworden sind. Das ist positiv und wichtig.
In 14
Monaten wird Österreich für ein halbes Jahr den Vorsitz in der
Europäischen Union übernehmen. Gerade da sollten wir bei wichtigen Fragen
möglichst mit einer Stimme sprechen. Und das sollte auf der Basis einer
gemeinsamen erarbeiteten Linie geschehen. Ich werde mich jedenfalls in diesem
Sinne bemühen, meinen Beitrag dazu zu leisten.
Meine
sehr geehrten Damen und Herren zum Abschluss!
Ein
Nationalfeiertag ist natürlich auch ein patriotisches Datum. Ein Datum der
Verbundenheit mit Österreich. Damit stellt sich auch die Frage nach dem
Stellenwert des Patriotismus in Gegenwart und Zukunft. Schließlich ist
dieses Wort in der Vergangenheit oft in schamloser Weise missbraucht worden.
Meine Meinung dazu ist klar und eindeutig: Wir haben allen Grund auf Österreich
stolz zu sein, das Aufbauwerk der II. Republik zu bewundern und uns hier
verwurzelt zu fühlen. Ein Patriotismus, der das eigene Land schätzt, sich zu
seiner Geschichte mit allen Höhen und Tiefen bekennt, seine Kultur pflegt und
fördert ist etwas sehr Positives, wenn man in gleicher Weise auch andere
Länder, andere Kulturen, andere Menschen gelten lässt und anerkennt. Ein
Patriotismus, der den Stolz auf das eigene Land mit Vorurteilen gegen andere
Menschen, Abwertung anderer Kulturen, Feindseligkeit gegen andere Religionen
verbindet ist kein Patriotismus, sondern Chauvinismus. Unser
Menschenbild, das von der Gleichwertigkeit aller Menschen ausgeht ist mit
Chauvinismus nicht vereinbar.
Daher
ist unser österreichischer Nationalfeiertag ein Nationalfeiertag der
Weltoffenheit, ein Nationalfeiertag des Friedens, mit einem Wort ein
rot-weiß-roter Nationalfeiertag, den wir in einem Europa feiern, in dem unsere
Nachbarn auch unsere Freunde sind.
Ich
danke Ihnen.
© 2010 The Federal President of the Republic of Austria : imprint : legal notes : contact



